European Multilingual Blogging Day 2013: Mein Beitrag

Im Rahmen der Internet Week Europe 2013 wird heute am 15. November der European Multilingual Blogging Day 2013 gefeiert. Blogger können diesen Tag nutzen, um auf die wunderbare Vielfalt der Sprachen im Web hinzuweisen, indem sie in einer anderen Sprache als üblich schreiben. Mein Blog ist sonst dem Englischen, meiner Hauptarbeitssprache, vorbehalten. Zur Feier des Tages verfasse ich diesen Beitrag auf Deutsch, der Sprache, aus der ich sonst ins Englische übersetze.

Eine kleine Reise in meine Vergangenheit

Mein Übersetzerberuf zeigt meine offenkundige Verbindung zur Sprache. Im Zentrum der Sprache steht die Kommunikation – gleichzeitig Zweck und Ziel der Sprache. Für die schriftliche Kommunikation zwischen verschiedenen Sprachwelten stehen Übersetzer bereit.

Sprache hat für mich (wahrscheinlich berufsbedingt) die starke Beibedeutung von Fremdsprache. In meiner eigenen Biographie stehen die vielen Umzüge zwischen Deutschland und den USA. Aber diese prägen meine Erinnerungen nicht am nachhaltigsten, sind sie doch eher in der nebligen Welt des Erstspracherwerbs verankert. Tatsächlich füllt sich mein Kopf sofort mit Italienisch, wenn die Rede auf Sprache kommt.

Mit 14 trat ich einer Italienisch-AG bei und fuhr für einen zweiwöchigen Austausch in eine italienische Kleinstadt an der Adriaküste. Jenseits des üblichen unratsamen Blödsinns, der zum jugendlichen Pflichtprogramm solcher Austauschreisen gehört (entschuldigt bitte, liebe Lehrer), erinnere ich mich an das Staunen über die ungewohnten Lebensgewohnheiten, den anderen Tagesrhythmus, das Kichern darüber, wie auf Italienisch mancher Ausdruck formuliert wird, das fremd anmutende Kartoffelgebäck meiner Gastfamilie (ich kann als Verteidigung nur mein zartes Alter anführen). Kurzum, ich staunte über alles, was eine Sprache in ihrem Wesen ausmacht, nämlich ihre Sprecher, die Kultur, das alltägliche Leben, die Landschaften, die Geschichte, die Literatur. Das war Sprache in Aktion, diese Versuche, eine fremde Welt in ihrer mir fremden Sprache zu erkunden.

Das Wunder der Sprache

In der Muttersprache (oder den Muttersprachen) erscheint so vieles selbstverständlich da vertraut, wird doch alles von Kindesbeinen aufgenommen. In den Augen des Fremdsprachenlerners haben Sprachen so viel Verwirrendes, Absonderliches. Sprachliche Gesten gepaart mit undurchschaubaren Riten – oft ein Rätsel. Wenn ich alleine an die deutsche Küche denke: Eisbein, Serviettenknödel, Hochzeitssuppe, westfälische Töttchen. Hier treffen Vokabeln auf gelebte Traditionen. Kultur hüllt sich in das Gewand der Sprache und bildet gleichzeitig die Substanz der Sprache.

Nicht jedes fremdsprachliche Wort hat eine genaue Entsprechung in der Muttersprache. Dass manche Sprachen für bestimmte muttersprachliche Konzepte kein eigenes Wort haben (vielleicht auch weil das lexikalisierte Konzept in der Kultur unbekannt ist), ist für Übersetzer altbekannt, muss aber ahnungslosen Kunden immer wieder neu erklärt werden. Die richtige Antwort steht nicht immer im Wörterbuch. Ich erinnere mich an die verblüfften Gesichter meiner Gastfamilie, wenn ich völlig ahnungslos eine Frage zu einer italienischen Selbstverständlichkeit stellte und meine sehr geforderte Austauschpartnerin hilflos in einem Italienisch-Deutsch-Wörterbuch blätterte, als verstecke sich dort die Erleuchtung. Das war die ultimative Prüfung unserer Sprachenkenntnisse, dass ich meine Frage verständlich formulieren konnte und sie ihre Antwort. Unsere Gehirne qualmten kameradschaftlich.

Aber, die Grammatik einer Sprache, damit kämpfen die Lerner immer so, sagen die Sprachmuffel. Das stimmt, die Grammatikregeln einer Sprache haben häufig etwas Mechanisches, aber sie beherbergen das Leben eines Volkes. Sie sind gespeist vom Leben und vom Sprechen vergangener Generationen. Historisch betrachtet wird das wahre Wunder der Sprache offenbar. Auf geheimnisvolle Weise im Gehirn während der Evolution entstanden, immer wieder neu von Kindern erlernt, stets im Wandel und doch beständig. Mühelos wird die Muttersprache völlig nebenbei als Vehikel der Kommunikation genutzt.

Wenn es dem Sprachunterricht doch bloß möglich wäre, diesen Funken überspringen zu lassen. Eine Sprache lebt in einer Kultur eingebettet und speist diese. Soll Sprache kein theoretisches Konstrukt von Regeln, Vokabeln und tückischen Ausnahmen bleiben, die nur existieren, um Sprachenlerner zu piesacken, dann muss sie in ihrer wahren Umgebung erlebt werden. Und der arme schulische Fremdsprachenunterricht müht sich redlich und doch in den meisten Fällen vergeblich, diesen Zauber den Lernenden zu vermitteln.

Übersetzer wissen um die Welt, die in der Sprache wohnt. Das bildet die Grundlage der Faszination mit Sprache und bleibt die Herausforderung der täglichen Arbeit. Wenn ich übersetze, suche ich nicht Wortgeschwister in den jeweiligen Sprachen, sondern versuche, Welten in Einklang zu bringen. In diesem Sinne besitzen die glücklichen Mehrsprachigen mehrere Heimate und auch mehrere Herzen, die in ihrer Brust schlagen, und das gilt es doch unbedingt zu feiern!

 

Else Gellinek is a German-American, bilingual linguist and translator specializing in PR, marketing and corporate communications as well as non-native editing. She blogs about the translation industry, freelancing, language and anything else that might tickle her fancy.

There are 2 comments on this post

  1. Day of Multilingual Blogging 2014 - Sprachrausch

    […] in a lan­guage (or sev­eral lan­guages) they don’t nor­mally write in. Last year, I wrote a post in Ger­man and waxed lyri­cal about learn­ing lan­guages. This year, I have a nice lit­tle idea for a […]

    Reply

Leave your thought