Wenn Fachbegriffe fehl am Platz sind

Sind Fachbegriffe immer die beste Wahl?

Gute Texter wissen, dass sie immer die Zielgruppe ihrer Texte bedenken müssen. Sonst werden ihre Texte schlicht und ergreifend nicht gelesen. Allerdings wird nicht jeder Text von einem professionellen Texter geschrieben. Und nicht jeder, der in Unternehmen für Texte zuständig ist, ist ein geübter oder gar begeisterter Schreiber. Ein Indiz dafür, dass Texte nicht aus der Feder eines Profis stammen, ist eine Überfülle an Fachbegriffen in Texten, die sich nicht an Fachleute richten.

Was sind Fachbegriffe?

Fachbegriffe sind Begriffe, für die eindeutige oder zumindest klar umrissene Bedeutungen existieren. Sie gehören nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch, weswegen wir nicht ungefragt voraussetzen können, dass jeder sie versteht. Wir alle benutzen Fachsprache z.B. als Teil unseres beruflichen Alltags. Meistens benutzen wir die Fachsprache aber nur in klar definierten Kreisen, wenn wir mit anderen Fachleuten sprechen. Sprechen wir mit anderen, erklären oder ersetzen wir diese Begriffe.

Fachbegriffe sind eindeutig und klar

Es gibt viele Gründe, Fachbegriffe zu verwenden:

  • Sie sind die korrekte Bezeichnung und es gibt nicht immer eine allgemeinsprachliche Entsprechung dafür.
  • Mit einem Wort ist klar umrissen, worum es geht. Umschreibungen dauern länger.
  • Sie zeichnen den Sprecher/Schreiber als Experten aus.
  • Sie nehmen in Tabellen und Graphiken weniger Platz ein als langwierige Beschreibungen.

Spezialisierte Texte für Spezialisten verlangen natürlich Fachterminologie. Schwieriger wird es, wenn Laien angesprochen werden. Wollen Sie mit Ihrem Kunden kommunizieren, dann ist es zwingend notwendig, dass Ihre Kunden voll und ganz verstehen, worum es geht.

Fachbegriffe können Nichtfachleute verwirren

Die Folgen, wenn Leser Fachbegriffe nicht verstehen

  • Bei Onlinetexten: Sie klicken weg und kommen vielleicht nicht wieder.
  • Sie fragen sich, ob sie mit diesen Texten angesprochen werden sollen. Und schon sind sie weg!
  • Sie als Textersteller wirken distanziert oder sogar leicht überheblich auf Ihre Kunden. Haben Sie schon einmal bei einem Arzt oder Steuerberater gesessen und nur die Hälfte verstanden? So fühlt sich das an.
  • Die Leser folgen Ihrer Argumentation nicht. Vielleicht preisen Sie eine neue Technologie an? Dann denken Sie daran, dass Ihre Kunden nicht unbedingt so viel über Technik wissen wie Sie. Und vielleicht wollen sie eher wissen, welche Vorteile Ihr Produkt bringt, ohne dass sie die genauen technischen Details verstehen.

Fachbegriffe: ja oder nein?

Fragen, die Ihnen beim Schreiben durch den Kopf gehen sollten:

  • Habe ich ein klares Bild vor Augen, wer diesen Text lesen soll? Schreiben Sie an Endverbraucher oder an zwischengeschaltete Spezialisten? Verschiedene Zielgruppen haben ganz unterschiedliches Vorwissen.
  • Wird mein Gegenüber Rückfragen an mich haben? Wenn ja, ist es mir möglich, diese Fragen direkt im Text zu beantworten? Oder kann ich so schreiben, dass diese Fragen gar nicht auftreten.
  • Habe ich diesen Sachverhalt so klar wie möglich ausgedrückt? (Auch Fachleute lesen gerne gutgeschriebene Texte.)
  • Kann ich diesen Fachbegriff in allgemeiner Sprache erklären? Ist der Fachbegriff hier wirklich nötig?

Fachbegriffe in Übersetzungen

Oft wollen Kunden sehen, dass ein deutscher Fachbegriff durch einen vermeintlichen englischen Fachbegriff ersetzt wird. Nicht immer ist das möglich oder sinnvoll. Liegen mir Texte zur Übersetzung vor, folge ich den gleichen Gedankengängen wie ein Texter, der den Originaltext erstellt. Einerseits wurden diese Fragen vielleicht nicht beim Schreiben des deutschen Textes berücksichtigt, andererseits kann sich die Zielgruppe der Übersetzung in bestimmten Aspekten von der Zielgruppe der Vorlage unterscheiden.

Übersetzungen für Nichtmuttersprachler

Bei Übersetzungen für Menschen, die Englisch als zweite oder als Fremdsprache sprechen, ist sprachliche Klarheit noch mehr Pflicht. Bei jedem Begriff muss genau hinterfragt werden, ob ein entsprechender Fachbegriff im Englischen eher verstanden wird oder ob die Verwendung des englischen Fachbegriffes gerade Leser verwirrt und ihr Verständnis erschwert. Die Antwort wird je nach Text und nach Zielgruppe unterschiedlich ausfallen.

So wird ein medizinischer Artikel für Ärzte Fachterminologie nutzen, da sie die Eindeutigkeit der Aussage garantieren und im Englischen für gewöhnlich von allen Medizinern verstanden werden. Richtet sich ein Infoblatt an nichtmuttersprachliche Patienten, wird idealerweise jeder Fachbegriff erklärt oder in Alltagssprache beschreiben. Ein Informationsblatt für Flüchtlinge wird mit einer englischen Übersetzung versuchen, alle zu erreichen, für die keine Übersetzung in ihre jeweilige Landessprache möglich war. Das kann eine heterogene Gruppe mit unterschiedlicher Beherrschung des Englischen und unterschiedlichem Verständnis der deutschen Behörden sein. Hier müssen Fachbegriffe eher gemieden oder mit Erläuterungen versehen werden. Deutschen Muttersprachlern kann man eine gewissen Vertrautheit mit der deutschen Rechtslage und Gesetzgebung abverlangen – anderen nicht. Ein Informationsblatt, das nicht verständlich ist, ist Makulatur.

Fazit: Wenn Texte an Nichtmuttersprachler und Nichtfachleute gerichtet sind, besteht die hohe Kunst darin, den Inhalt möglichst klar zu strukturieren und zu formulieren – und zwar in einer möglichst einfachen Sprache. Das schließt Fachterminologie meistens aus.

Unübersetzbare (Fach)begriffe

Nicht jeder Begriff, der sich im Deutschen schön verpackt als ein Fachterminus präsentiert, hat in einer anderen Sprache ein genaues Gegenstück. Denken Sie beispielsweise an spezifische Begriffe des deutschen Sozial- und Rechtsystems oder an Begriffe, die der deutschen Wissenschaftsgeschichte spezifisch sind. Ein wunderschönes Beispiel ist der deutsche Impressumsbegriff. Die Impressumspflicht in Deutschland findet sich in englischsprachigen Ländern nicht in ähnlicher Form wieder. Wohlmeinende deutsche Unternehmen, die “Impressum” mit “Imprint” übersetzen, tun sich keinen Gefallen. “Imprint” bedeutet für englische Muttersprachler etwas aus dem Verlagswesen und für Nichtmuttersprachler des Englischen besteht keine konzeptuelle Verbindung zwischen dem geheimnisvollen Wort “Imprint” und den deutschen Vorschriften, die in einem Impressum eingehalten werden müssen (lesen Sie hier weitere Informationen zum denglischen “Imprint”.). Eine klarsprachliche Umschreibung wie “Legal information” ist viel zielführender und wird eher verstanden. Und darum geht es ja!


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Else Gellinek ist Deutsch-Amerikanerin, bilinguale Linguistin und Übersetzerin mit Schwerpunkt auf Marketing und Unternehmenskommunikation sowie Lektorin für Englisch als Fremdsprache. Im Guckloch Blog gewährt sie Kunden Einblicke in Übersetzungsvorgänge und Aspekte der Übersetzungsqualität. Sie ist davon überzeugt, dass sowohl Kunden als auch Übersetzer davon profitieren, wenn die geheimen Vorgänge im Kopf des Übersetzers transparent gemacht werden.

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