Erstellung von Language Style Guides für Übersetzungen: Was gehört hinein?

Language Style Guides für Übersetzungen erstellen: So geht’s

Lassen Sie viele Texte schreiben – eventuell sogar von unterschiedlichen Autoren? Und werden diese Texte dann übersetzt? Dann sollten Sie überlegen, einen Language Style Guide für Übersetzungen anzulegen.

Warum überhaupt Language Style Guides?

Je mehr Autoren und Übersetzer in Ihrem Unternehmen an der Texterstellung beteiligt sind, desto uneinheitlicher können Stil und Terminologie werden. Nicht nur verlieren Ihre Texte dadurch an inhaltlicher Schärfe, Kunden werden bei inkonsistenten Texten verwirrt, weil das Unternehmen mit mehr als einer Stimme spricht. So wie Sie mit einem einheitlichen Branding auftreten wollen, so wollen Sie auch, dass Ihre Kommunikation die gleiche Konsistenz aufweist.

(Sollten Sie noch etwas mehr Überzeugung benötigen: in meinem letzten Artikel habe ich für Sie die Vorteile von Language Style Guides zusammengefasst.)

Wie stellen Sie also sicher, dass Sie in Ihren Übersetzungen der Welt ein einheitliches Gesicht zeigen? Sie können mühsam alle Übersetzungen intern nacharbeiten. Das ist eine ressourcenintensive Fleißaufgabe! Oder Sie können vorher überlegen, worauf es Ihnen ankommt, und das Ihren Übersetzern mitteilen. Dafür sind Language Style Guides ein geeignetes Instrument (auch bekannt als Sprachleitfaden, Sprach- und Stilrichtlinien oder Wordings).

Language Style Guides halten fest, wie Sie sich sprachlich darstellen wollen

Was sind Language Style Guides?

Language Style Guides oder Sprachleitfäden sind ein Nachschlagewerk für Texter, Redakteure, Korrekteure und Übersetzer. Sie halten sprachliche Vorgaben und Verbote fest. Sie listen bevorzugte Formulierungen, einheitliche Formate und unternehmensweite sprachliche Regelungen für bestimmte Textsorten.

Vielleicht existieren in Ihrem Unternehmen bereits Redaktionsleitfäden oder Stilrichtlinien. Ein Language Style Guide für Übersetzungen wäre ein Pendant dazu und stellt sicher, dass alle Texte auch in der Fremdsprache einem Standard entsprechen.

Beachten Sie dabei, dass es nicht ausreicht, Ihre Stilrichtlinien für deutsche Texte zu übersetzen. Jede Sprache hat bestimmte Aspekte, die nach einer Entscheidung verlangen. Während Sie im Deutschen überlegen müssen, ob und wie Sie gendern, überlegen Sie für englische Texte vielleicht eher, ob Sie das singuläre „they“ zulassen wollen. Im Language Style Guide für Übersetzungen können die Vorgaben also inhaltlich von den Richtlinien für die Originaltexte abweichen.

Wie kommen Sie an ein Language Style Guide?

Sie können ein Language Style Guide erstellen lassen oder selber die Grundlagen dafür legen. Selbst wenn Sie noch kein niedergeschriebenes Style Guide haben, haben Sie sicherlich Vorstellungen, wie Übersetzungen gestaltet sein sollen. Was empfinden Sie beispielsweise als Todsünde in Übersetzungen? Schreiben Sie das auf! Und schon ist der erste Schritt gemacht.

Wer ist an der Erstellung des Language Style Guides beteiligt?

Optimalerweise holen Sie alle, die mit dem Leitfaden arbeiten werden und/oder von der Arbeit damit betroffen sein werden, ins Boot. Je mehr Betrachtungsweisen zusammenkommen, desto besser wird die Abdeckung der Richtlinien.

  • Texterstellung: Texter, Übersetzer, Terminologen
  • Textverwendung und Freigabe: Marketing, Vertrieb, Geschäftsführung

Die Makro-Sicht: Vorüberlegungen für die Erstellung von Language Style Guides

Egal ob Sie selber Hand anlegen oder sich helfen lassen, die folgenden Fragen und Aspekte werden Sie auf jeden Fall bedenken müssen. Wie Sie diese Fragen beanworten, wird maßgeblich bestimmen, was in Ihrem Sprachleitfaden steht.

  • Wer ist Ihre Zielgruppe?
    • Bestimmte Regionen
    • Bestimmte demographische Gruppen
    • Bestimmte Industrien
  • Warum übersetzen Sie Texte? Was hoffen Sie zu erreichen?
    • Marketingzwecke
    • Informationszwecke
  • Wie sehen Sie Ihr Unternehmen? (Beeinflusst Aspekte des Tons und der Wortwahl)
    • Seriös, nüchtern
    • Jung, verspielt
    • Alternativ, konträr
  • Wie sehen Ihre Kunden Ihr Unternehmen?
    • So wie Sie Ihr Unternehmen sehen? Soll die Kundenwahrnehmung gestützt oder verändert werden?
  • Welche Botschaft soll bei Ihren Kunden ankommen?
  • Welchen Ton streben Sie in Ihren übersetzten Texten an?
    • Bedenken Sie, dass je nach Kulturkreis ein anderer Ton als bei Ihren deutschen Texten notwendig sein kann.
    • Formell, informell, locker, akademisch, …
  • Haben Sie Beispiele/Referenzmaterial für Ihre Vorgaben und Erwartungen?
    • Beispiele klären Ihren Standpunkt und machen es leichter, Ihre Vorgaben nachzuvollziehen.

Haben Sie über alle Fragen nachgedacht? Dann geht es jetzt ans Eingemachte! Ihre Vorüberlegungen helfen Ihnen dabei, das Warum für sprachliche Vorgaben zu definieren. Und Sie helfen Ihnen dabei, unnötige Regeln auszuschließen. Was nicht Ihrem Zweck dient, muss schließlich nicht im Style Guide besprochen werden.

Die Mikro-Sicht: Eckpunkte für die Erstellung des Language Style Guides

Fangen Sie mit dem Kleinen an und arbeiten Sie sich zu den übergeordneten Themen vor. So fällt der Anfang leichter

Zum Beispiel mit dieser Reihenfolge:

(Alle Beispiele in Klammern gelten für englische Texte.)

  1. Gewünschte Sprachvariante für die Übersetzung (US, UK, AU, internationales Englisch)
  2. Formate von Datum, Maßeinheiten, Uhrzeiten
  3. Schreibweise und Schriftbild von Firmenname(n), Produktname(n), Claims
  4. Festgelegte Schrifttypen und Unternehmensfarben
  5. Bestimmte Grammatikvorgaben (kontrahierte Verbformen ja oder nein, Oxford Comma, Gebrauch des Verbmodus Subjunctive, Einsatz bestimmter Stilrichtlinien [APA, Chicago Manual of Style, …], Großschreibung in Überschriften, Groß- und Kleinschreibung in bulletierten Listen)
  6. Terminologievorgaben, Termbanken, Glossare, Formatvorlagen
  7. Alleinstellungsmerkmale
  8. Unternehmensleitbild/Mission

Sie sehen, einiges können Sie dank Ihrer Vorüberlegungen relativ schnell beantworten. Tauschen Sie sich an dieser Stelle gerne mit Textern, Übersetzern, Redakteuren und weiteren Textakteuren aus, um die anderen Fragen zu beantworten.

Sinnvoller Aufbau des Style Guides

Inzwischen müssten Sie eine Menge Informationen zusammengetragen haben. In dieser Form können andere aber noch nicht gut damit arbeiten. Sortieren Sie diesen Wust nun sinnvoll. Hier gehen wir vom Großen zum Kleinen.

 

Unternehmen/Branding

  • Leitbild, Mission
  • Alleinstellungsmerkmal
  • Produkte und Dienstleistungen
  • Zielgruppe, Persona
  • Festgelegte Schrifttypen und Unternehmensfarben
  • Schreibweise und Schriftbild von Firmenname(n), Produktname(n), Claims

Formales und Format

  • Gewünschte Sprachvariante für die Übersetzung
  • Formate von Datum, Maßeinheiten, Uhrzeiten
  • Rechtschreibvorlieben (Bsp. -ize anstatt -ise)
  • Grammatikvorgaben
  • Orientierung an bestimmten Stilrichtlinien
  • Großschreibung
  • Link zu Terminologievorgaben, Termbanken, Glossare, Formatvorlagen

Sprachstil und Ton

  • Gewünschter Sprachregister
    • formell, informell / gehoben, umgangssprachlich
  • Gewünschte Tonalität
    • neutral, humorvoll, kumpelhaft, …
  • Terminologie, Fachbegriffe und Wortwahl
  • Umgang mit Slang, Jargon und Wortschöpfungen
  • Wortlisten mit bevorzugten oder unerwünschten Begriffen und Formulierungen
    • Tipp: Geizen Sie nicht mit Beispielen.
  • Links zu Terminologie-Ressourcen, Wörterbüchern, Glossaren, etc.

Tipp: Mit einer Kombination Ihres Language Style Guides und einem vernünftigen Briefing für Übersetzungsaufträge sind Ihren Übersetzer optimal informiert.

Wichtige Hinweise zum Schluss

  • Style Guides leben. Sie sind nie fertiggestellt. Sie sollten sich vornehmen, in regelmäßigen Abständen zu überprüfen, ob Ihre Praxis inzwischen von den Style-Guide-Vorgaben abweicht, oder ob neue Aspekte hinzugekommen sind. Fragen Sie auch Ihre Übersetzer, ob ihnen etwas aufgefallen ist.
  • Sprachliche Vorgaben für individuelle Social-Media-Kanäle oder Medien können sich unterscheiden. So werden Sie in einer Unternehmensbroschüre anders auftreten als auf Twitter. Halten Sie auch diese kanalspezifischen Unterschiede im Style Guide fest.
  • Gehen Sie nicht mit Details über Bord. Je kleinteiliger Sie alles regeln wollen, desto schwieriger wird es, den Language Style Guide tatsächlich zu nutzen. Überlegen Sie, was Ihnen wirklich wichtig ist, und legen Sie das fest.
  • Ein Style Guide wird wunderbar mit Referenzmaterial und Beispieltexten ergänzt. Erschlagen Sie Ihre Übersetzer aber nicht mit Beispielen.

Beispiele für Style Guides

Bei der Erstellung von Sprachleitlinien sind Sie nicht auf sich alleine gestellt. Vielleicht haben Sie für das Deutsche bereits ein Corporate Wording erarbeiten lassen. Dann können diese Leitlinien als Orientierung dienen.

Ich habe für Sie eine Word-Vorlage für die Erstellung von Language Style Guides entwickelt. Nutzen Sie sie gerne als Hilfestellung bei der Entwicklung Ihre Sprachrichtlinien. Sie können Sie im Info-Regal auf meiner Website herunterladen: Word-Vorlage für mein Language Style Guide downloaden.

Sonst schauen Sie bei diesen Beispielen für Style Guides für Übersetzungen und lassen sich dort inspirieren:

Bei diesen Unternehmehm wird im großen Stil mehrsprachig gearbeitet. Ihr Sprachleitfaden für Übersetzungen kann deutlich kürzer ausfallen, wenn es für Sie passt. Auf jeden Fall sollten Sie nicht einfach den Language Style Guide eines anderen Unternehmens übernehmen. Sinnvoll ist dieses Instrument nur, wenn es voll und ganz auf Sie abgestimmt ist. Ein großes Softwareunternhmen kann sich nämlich durchaus sprachlich anders positionieren als eine kleine Stiftung.

PS Ihre Übersetzer können Ihnen auch bei der Erstellung eines Style Guides helfen. Bekommen wir keine expliziten Vorgaben von unseren Kunden, entsteht im Laufe der Zeit sowieso ein informelles Style Guide im Kopf. Dieses Wissen kann als Grundstein für Ihres Style Guide dienen. Fragen Sie uns!

PPS Sie können meine Vorlage für die Erstellung eines Language Style Guides natürlich auch dazu nehmen, Sprachleitlinien für Ihre deutschen Texte zu entwickeln.

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