Ein heikles Thema: Wenn Kund*innen Texte überarbeiten

Ist eine Überarbeitung von Übersetzungen überhaupt sinnvoll?

Eine kleine Anekdote

Eine Episode aus einem Übersetzerinnenleben: Nach Abgabe wird eine Übersetzung intern vom Kunden gelesen und dann beginnt ein unheilvoller Verlauf. Es kommt eine ernste E-Mail. In ihr heißt es, dass es Probleme mit der Übersetzung gäbe, oder dass noch weitreichendes Nacharbeiten nötig sei. Kaum sieht man den bunten roten Salat an Änderungen im Text, kommt die Erkenntnis: Hier hat eine Person am Text gearbeitet, die eigentlich dazu nicht ausgebildet ist.

Diese Situation ist nicht alltäglich, tritt aber gelegentlich auf – vor allem bei unerfahrenen Kund*innen, für die Übersetzungen und Textarbeit Neuland sind. Dass meine Kund*innen nachvollziehen wollen, was ich für sie übersetze oder transkreiere, ist absolut verständlich. Dass sie Fragen oder Kommentare dazu haben, gehört zum täglichen Geschäft. Aber: Arbeit mit Texten und Sprache kann nur im Dialog sinnvoll stattfinden.

Warum ein solches Vorgehen zu mehr Arbeit für alle führen kann

Deutlich weniger sinnvoll ist, dass Kund*innen Texte in Alleinarbeit überarbeiten. Problematisch wird es vor allem, wenn sie Zeit und Mühe für Bewertungen und Überarbeitungen investiert haben und diese Arbeit für keine Seite einen Gewinn bringt. Für Übersetzer*innen bedeutet das Zeit, die wir aufwenden müssen, um, oft unnötige, Änderungen zu sichten, abzuwägen, Gegenargumente zu formulieren und verständliche Erklärungen vorzubereiten. Und für Sie bedeutet das, dass Sie die kostbare Zeit von Mitarbeiter*innen von anderen Aufgaben abgezogen haben.

Warum ist es wenig zielführend, wenn textunerfahrene Mitarbeiter*innen Texte/Übersetzungen bearbeiten?

 Wer wenig Erfahrung mit der Erstellung und Bewertung von Texten hat, dem kann Wissen zu den folgenden Bereichen fehlen:

  • Schreib- und Sprachfähigkeiten:
    • Nicht jede Person beschäftigt sich gleichermaßen mit Grammatik- und Zeichensetzungsregeln. Das ist völlig OK. Das muss aber auch bei der Überarbeitung von Texten bedacht werden. Wer aus Unwissenheit oder Ungeübtheit Fehler einbaut, verursacht Mehrarbeit.
    • Hinzukommt, dass Textkontrolle aufgrund von mangelnder Erfahrung länger dauert. Bedenken Sie, dass die Person im Unternehmen von anderen Aufgaben weggezogen wird. Fragen Sie sich auch, ob ihre Arbeitszeit tatsächlich am effizientesten zur Textkontrolle benutzt wird.
  • Sprachverständnis für die Sprache des Originals oder der Übersetzung. Nehmen wir das Beispiel Englisch. Wie gut spricht die Person Englisch? Wer mit Schulenglisch Texte bearbeitet, wird zur Textqualität selten beitragen.
  • klare Vorgaben für den Zweck des Lesens: Häufiges Ergebnis ist, dass viele Änderungen eingefügt werden, die falsch, unnötig oder allerhöchstens Geschmackssache sind. Nur weil eine Person etwas instinktiv anders formuliert hätte, heißt das nicht, dass die Formulierung im Text falsch ist. Für unerfahrene Leser*innen ist es ganz schwierig, Geschmacksfragen von „echten“ Fehlern zu unterscheiden.
  • Sachverhalte, die im Text besprochen werden: Wer die Inhalte nicht nachvollziehen kann, kann einen Text nicht sinnvoll überprüfen. Fragen Sie sich, in welchen Bereichen die Person, die Sie an den Texten arbeiten lassen, eigentlich tätig ist. Hat sie das nötige Verständnis für die im Text angesprochenen Bereiche?
  • Strategische Zielsetzungen des Unternehmens, der Kampagne und/oder des einzelnen Textes: Was soll erreicht werden? Wer unwissend an Stellschrauben im Text dreht, kann dabei diese Strategie torpedieren.

Tipp: Vergessen Sie nicht, dass, wenn Sie in eine Fremdsprache übersetzen lassen, Sie nicht die Zielgruppe Ihrer Übersetzung sind. Das sollten Sie sich vor Augen führen, wenn Sie sie lesen und etwas ändern möchten: Die Übersetzung ist doch gar nicht für Sie geschrieben. Sie können ja den deutschen Originaltext lesen!

Wer sollte denn firmenintern Texte lesen und ggfls. korrigieren?

Hmm, und nun? Soll niemand Übersetzungen lesen dürfen? Nein, das ist genau so wenig sinnvoll. Darum eine kurze Einordnung für Sie, bei wem es Sinn macht, sie mit der Korrektur von Übersetzungen zu betrauen.

  • Optimalerweise eine Person, die die Sprache des Textes bzw. der Übersetzung als Muttersprache beherrscht. Bedenken Sie dabei aber diese Punkte:
    • Korrekturen von Nicht-Muttersprachlern sind schwierig, vor allem wenn ihnen texterische Fähigkeiten fehlen. Woher sollen sie wissen, welche Aspekte wichtig sind und welche nicht? Wie sollen sie begründet die Entscheidung der Übersetzerin erkennen und gewichten?
    • geübte Korrekturleser*innen und Lektor*innnen arbeiten routinierter und effizienter als ungeübte. Fallen bei Ihnen nur gelegentlich Texte oder Übersetzungen an, werden Ihre Mitarbeiter*innen nicht aus ihrer Unerfahrenheit herausfinden. Sie müssen sich fragen, ob die Zeit dieser Mitarbeiter*innen wirklich sinnvoll mit diesen Aufgaben belegt ist.
  • Optimalerweise eine Person, die die Fachsprache des Unternehmens beherrscht und/oder sich bewusst ist, dass sprachliche Entscheidungen von Übersetzer*innen bereits mit den Fachabteilungen geklärt sind.
    • Das Rad muss nicht neu erfunden werden: Terminologieentscheidungen, die bereits gefallen sind, müssen nicht in der Übersetzung durch alternative Lösungen ersetzt werden.
  • Optimalerweise eine Person, die weiß, was im Originaltext steht und was mit der Übersetzung bezweckt werden soll
    • Stichwort Transkreation: Ist der übersetzte Text ein Marketing- oder Imagetext, dann wird die übersetzte Version vom Original abweichen. Das ist gewollt! Transkreatoren passen die Übersetzung so an, dass sie die gesteckten Ziele für die neue Leserschaft erreicht.
  • Optimalerweise eine Person, die im Markt der Zielsprache lebt
    • Der Kontakt zu Abteilungen, die im direkten Kontakt zur Zielgruppe der Übersetzung arbeiten, ist sehr wertvoll. Hier fließen echte Impulse aus der Praxis zurück an die Übersetzer*innen. Davon bitte mehr!

Tipp: Sollte diese wunderbar breit ausgebildete Person noch nicht in Ihrem Unternehmen existieren, sprechen Sie uns an!

Wir arbeiten oft mit freiberuflichen Lektor*innen zusammen und können sicherlich eine geeignete Person empfehlen. Die regelmäßige Zusammenarbeit wird diese Person mit den Besonderheiten Ihres Unternehmens vertraut machen. Als oberstes Grundprinzip gilt sowieso, dass Kommunikation essentiell ist und Probleme erst gar nicht entstehen lässt. Wenn wir zusammen arbeiten – anstatt gegeneinander – kommen wir gemeinsam zu den besten Ergebnissen.

 

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