Schwangerschaft, Geburt und danach in Asien – Ein Blogwichtel-Beitrag von Nessa Altura

Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal beim Blogwichteln des texttreffs dabei. Und dann wird mir gleich so eine großartige Gastbloggerin zugeteilt! Ich schreibe oft über Unterschiede zwischen Kulturen und dass vieles nur im eigenen kulturellen Kontext selbstverständlich ist. Passend dazu hat Nessa Altura vom Autorenexpress mir ein ganz faszinierendes Beispiel geschenkt, und zwar wie unterschiedliche Kulturen mit Schwangerschaft und Wochenbett umgehen. Ich lasse sie direkt zu Wort kommen:

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Schwangerschaft. Geburt. War da was?

Im Westen sind die jungen Frauen meist stolz darauf, kurz nach der Geburt wieder fit zu sein. Sie möchten alles schaffen. Sie wollen ihre Aufgaben wie bisher meistern, ihren früheren Bauch und Busen schnellstmöglich zurück haben und ihre Füsse wieder in hübsche Schuhe stecken. Ein unvergessliches Beispiel dafür war 2009 Rachida Dati, damals französische Justizministerin, die einige Tage nach der Niederkunft lächelnd auf hohen Stilettos in ihrem Ministerbüro erschien.

Ganz anders in Asien

Ganz anders in Asien. Viele Länder, vor allem diejenigen, die vom chinesischen Kultureinfluss geprägt werden, sehen die Zeit nach der Niederkunft als etwas ganz Besonderes, ja, ganz besonders Schützenswertes an. Man nennt es das Confinement. Auf gar keinen Fall darf es da weitergehen wie zuvor. Es gilt nun, dem Körper und der Seele der Frau, die entbunden hat, Ruhe und Erholung zu verschaffen. Dazu ist eine Fülle von Regeln einzuhalten. Wenn möglich reist die Mutter der Gebärenden an, um in den ersten 30 bis 100 Tagen nach der Entbindung den Haushalt zu übernehmen und die junge Mutter von allen Pflichten zu entbinden.

Ein koreanisches Beispiel

Meine Schwiegertochter ist Koreanerin. Sie lebt in Singapur. Selbstverständlich nahm ihre Mutter sechs Flugstunden auf sich, um der Tochter nahe zu sein. Nachdem diese aus dem Krankenhaus kam, wurde ihr zu jeder Mahlzeit eine Schale Suppe hingestellt, die in Korea als ganz besonders kräftigend (wertvolle Inhaltsstoffe wie Jod und Vitamin K, warm, urgesund) beurteilt wird: Seetangsuppe, genannt Miyeok Guk. (In China gäbe es, so hörte ich, an deren statt Hühnerbrühe.) Vorsicht: Der getrocknete Tang sieht nach nicht viel aus, aber kaum ist die Suppe warm, entfaltet sich ein wahrer Tangberg!

Seetangsuppe (Miyeok Guk)

 

Das komplizierte Regelwerk im einzelnen

Nie sollte etwas Scharfes, etwas Heißes, etwas Salziges, etwas Kaltes gereicht werden, weil das dem geschwächten Körper und ganz besonders den Zähnen Stress verursache. Die Arme und Beine mussten stets bedeckt sein – was im tropisch heißen Singapur nicht einfach war – , weil Zug schädlich für die Gesamtkondition sei. Air Condition? Bitte nicht. Überhaupt kein nach-Draußen-Gehen – die Keime, der Krach, die Sonne! Auch das Haarewaschen sollte möglichst unterbleiben, weil kühle Luft auf nasser Kopfhaut schädlich sei. In China, so heißt es, dürfe man den ganzen Körper eine Weile lang nicht waschen, nicht Zähneputzen, nicht fernsehen der Augenanstrengung wegen, und kein pures Wasser zu sich nehmen. Selbstverständlich gibt es umgekehrt eine Fülle von Lebensmitteln, die für die junge Mutter gut sein sollen. Für die Seele. Für den Bauch. Für die Haare. Für die Zähne. Für die Milchproduktion.

Warum so viele Regeln?

Uns muten diese Vorschriften seltsam an. Aber natürlich auch verständlich, wenn man darüber nachdenkt, dass sie aus einer Zeit stammen, in der junge Mütter tatsächlich höchst gefährdet waren: durch die mangelnde Hygiene allerorten, durch das oft armselige Angebot an Nahrungsmitteln, durch die Schwere der Feldarbeit, die getan werden musste – auch von Frauen, auch von Frauen, die gerade geboren hatten, auch von Frauen mit Säuglingen.

Westöstliche Strenge

Mir erscheint da die westliche Härte, mit der man auf junge Mütter blickt, etwas unnachsichtig. Tatsächlich muss sich während der Schwangerschaft der weibliche Körper umstellen und am Ende durch die Geburt malträtieren und durch die beständige Milchproduktion schwächen lassen. Würden Männer gebären, so gäbe es mit Sicherheit eine Menge Privilegien … als Ausgleich für die erlittenen Nachteile. Weil dem höchstens ansatzweise in manchen Ländern so ist, gefällt mir die verordnete Ruhephase der chinesischen Kultur ganz gut. Warum soll sich die junge Mutter nicht eine Auszeit nehmen, die ersten Wochen mit ihrem Neugeborenen voll und ganz genießen und den Haushalt und alles andere Familienmitgliedern überlassen? Muss man es, so wie die FAZ* das tut, hämisch Kasernieren nennen?

Natürlich empfinden es manche junge Frauen in Asien durchaus auch als lästig, wenn sie sich Regeln unterwerfen müssen, deren Sinnhaftigkeit – zumindest in der Gegenwart – nicht wissenschaftlich** bestätigt ist. Wandel muss sein – er tut auch hier ganz sicher gut, wenn die Vergangenheit nicht allzu prinzipiell daherkommt…

Bonding

Auf einen neuen Menschen, und sei er noch so klein, muss man sich einlassen. Müttern, die stillen, gelingt das sicher ganz besonders leicht – weil da anfangs viele viele Stunden des Zusammenseins mit dem Säugling aufgewendet werden müssen. Für eine Erstgebärende ist das Stillen meist ein nervenzerrendes Geduldsspiel. Wie schön, wenn man da auf das Verständnis des Partners bauen darf und sich Zeit nehmen kann. Und wenn die Erfahrung einer versierten Mutter, ja, auch der eigenen, einem dabei hilft. Im Haushalt meiner Schwiegertochter wurde übrigens der 100-Tage-Geburtstag festlich begangen. Auch dies rührt sicher aus der Vergangenheit: Wenn der Säugling die ersten 100 Tage auf Erden überstanden hat, darf damit gerechnet werden, dass er bleibt.

Die Kommerzialisierung

Es gibt natürlich nichts, was der Kapitalismus nicht zu nutzen wüsste. Überall in Asien gibt es hotelähnliche Einrichtungen, die dieses confinement, so nennt man die postnatale Phase, kommerzialisiert haben. Hotelähnliche Einrichtungen können die familiäre Hilfe nach der Geburt abnehmen. Man kann sich da einmieten und sich vom 1-5-Sterne-Luxus verwöhnen lassen, sofern man die nötigen Mittel dazu hat (zwischen 3.000 und 30.000 €). Und natürlich sind die Supermärkte voll von confinement-Produkten. Dingen, von denen der Westen bis heute nicht weiß, dass man sie braucht…

Confinement-Produkte auf Amazon

* Neuerdings warnen die Ärzte vor zuviel Tangsuppe – eine Überdosis Jod kann auch Schäden anrichten

**  https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/china-seltsame-mediizin-fuer-frisch-entbundene-13655019.html

 

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Über Nessa Altura

Nessa Altura, Fotograph: Thomas Bischof

 

Nessa Altura ist preisgekrönte Schriftstellerin und betreibt das Autorenexpress – Manufaktur für außergewöhnliche Literaturprodukte. Wer es satt hat, nur Langweiliges im Briefkasten zu finden, kann sich vom Autorenexpress Kurzgeschichten, Gedichte und mehr regelmäßig per Post schicken lassen. Genial!

Liebe Nessa, vielen Dank für Dein fabelhaftes Wichtelgeschenk!

 

 

 

 

Über den texttreff

Der texttreff ist ein Netzwerk für wortstarke Frauen. Hier tauschen sich Schriftstellerinnen, Texterinnen, Lektorinnen, Übersetzerinnen und andere schreibende Frauen aus. Jährlich zu Weihnachten geht das große Blogwichteln los und wir beschenken uns reihum mit Gastbeiträgen.

 

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