Warum viele Übersetzer*innen keine konkreten Preise auf der Website nennen

Preise für Übersetzungen: Warum so geheimnisvoll?

Wer eben schnell nachschauen möchte, wie teuer eine Dienstleistung ist, kann bei den Webauftritten von Übersetzer*innen manchmal verzweifeln.

Viele haben eine Unterseite wie „Angebot“ oder „Preise“. Spezifische Angaben zur Preisgestaltung findet man aber nicht. Stattdessen werden Sie freundlich dazu aufgefordert, Ihren Text zu senden, damit Sie ein maßgeschneidertes, unverbindliches Angebot erhalten können. Aber warum ist das so?

Äpfel und Birnen kann man nicht vergleichen

Der Hauptgrund ist, dass es nicht die EINE Übersetzung gibt. Und darum kann man auch nicht den EINEN Preis nennen. So viele unterschiedliche Textsorten, Sprachkombinationen und Dienstleistungspakete wie es gibt, so viele Preisgestaltungsmöglichkeiten gibt es im Gegenzug. Eine Preisliste werden Sie darum selten auf Übersetzerwebseiten finden.

Kocht jeder Übersetzer und jede Übersetzerin sein oder ihr eigenes Süppchen? Die kurze Antwort: eigentlich ja. Hier treffen individuelle Vorlieben, Eigenheiten von bestimmten Sprachen, gebräuchliche Vorgehensweisen in bestimmten Industrien und einfach die große weite Welt aufeinander. Fragen Sie bei mehreren Kandidat*innen nach Angeboten an, werden Sie feststellen, dass sie ganz unterschiedlich kalkulieren.

Im Folgenden stelle ich kurz die möglichen Kalkulationsgrundlagen dar, damit Sie ab jetzt nicht mehr erstaunt sein müssen.

Mögliche Kalkulationsgrundlagen für Übersetzer*innen

Nach Quantität

Wortpreise

Manche Kolleg*innen geben ihren Kund*innen gerne die Möglichkeit, Preise selber anhand der Textlänge zumindest grob einzuschätzen. Dafür geben sie Preise pro Wort an, die sich gegebenenfalls nach Sprachkombination und Textsorte unterscheiden können. Manche Sprachkombinationen und Textsorten sind dabei teurer als andere.

Ein Nachteil von Wortpreisen ist, dass sie Übersetzungen wie ein zählbares Gut behandeln. Wort 1 soll in die andere Sprache übersetzt werden, sowie auch Wort 2 und Wort 3 und so weiter. So funktionieren Texte aber nicht.

Zusätzlich sind Wortpreise eine wenig geeignete Rechengröße, wenn es um Unterschiede zwischen Sprachen geht. Nehmen wir hierbei die zusammengesetzten Wörter im Deutschen als Beispiel. Im berühmten „Donaudampfschifffahrtskapitän“ stecken vielen Informationen, für die ich im Englischen eine ganze Umschreibung entwickeln muss. Aber diese Wortschlange gilt als einzelnes Wort. Das bildet den tatsächlichen Arbeitsaufwand nicht immer korrekt ab. Andere Sprachen erweisen sich somit als deutlich wortreicher als Deutsch, so dass eine Übersetzung um 20% oder mehr länger sein kann.

Als Lösung arbeiten manche darum mit einer Berechnung nach Wortpreis, nehmen aber die Wörter im Ausgangstext, also in der Übersetzung, als Basis. Das soll eher die tatsächliche Arbeit abbilden. Leider sind die Kosten dann auf der Kund*innenseite weniger kalkulierbar, da sie erst nach Vollendung der Übersetzung feststehen.

Normzeile

Darum rechnen Kolleg*innen in Deutschland oft mit einem Normzeilenpreis ab. Eine Normzeile wird üblicherweise als 55 Anschläge inklusive Leerzeichen definiert. Sie hat also nichts mit einer „normalen“ Zeile in Word zu tun. Diese Rechengröße ist für Kund*innen nicht so intuitiv, da man erst die Zeichen in einem Text ausrechnen und dann zur Berechnung der Normzeilen weiterschreiten muss. Ein Vorteil dieser Berechnungsgrundlage ist, dass sie in Bezug auf Formatierung, Schriftgröße und Wortlängenunterschiede neutral ist. Aber auch hier gilt aber wieder, dass für die Kalkulation eine zählbare Menge zu Grunde gelegt wird.

Normseite

Diese Größe wird gerne bei Buchübersetzungen, vor allem im literarischen Bereich, und bei manchen Sprachkombinationen benutzt. Eine Normseite wird meistens als 30 Normzeilen (also 30 x 55 Anschläge inklusive Leerzeichen) definiert.

Wer nicht oft mit dieser Größe arbeitet, wird bemängeln, dass die Kalkulation immer abstrakter wird. Das stimmt auch!

Auf jeden Fall ist eine Normseite auch wieder losgelöst von der Seitenanzahl, die Sie in Word sehen, da sie nicht mit der Formatierung oder Schriftgrößeneinstellung verbunden ist. Hier ist immer noch die Menge an Sprachmaterial die ausschlaggebende Größe für die Preisgestaltung.

Was in Wort-, Zeilen- oder Seitenpreisen enthalten ist, kann sich von Anbieter*in zu Anbieter*in unterscheiden. Das heißt für Sie, dass Sie trotzdem klären müssen, welche Dienstleistung(en) im angegebenen „Stückpreis“ enthalten sind.

Nach Stundensatz

Stundensätze sind ein guter Weg, um tatsächlich geleistete Arbeitszeit abzubilden. Auch hierbei gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen:

  • Ein Stundensatz für alle Dienstleistungen: Schließlich bleibt eine Stunde immer gleich lang.
  • Unterschiedliche Stundensätze pro Dienstleistung: Manche Kolleg*innen haben Stundenpreise für Lektorat, Übersetzung, Transkreation, Texten, Desktop-Publishing, die alle unterschiedlich ausfallen können.

Nach Dienstleistung

Ähnlich zu den unterschiedlichen Stundenpreisen je nach Dienstleistung, kann auch für jede Dienstleistung unterschiedlich abgerechnet werden. Ich berechne beispielsweise für Lektorat immer Stundensätze. Soll ich also einen Text passagenweise lektorieren und andere Passagen komplett übersetzen, würde sich der Endpreis aus einer Mischung aus Wortpreis und Stundensatz zusammensetzen. Andere Kolleg*innen berechnen für Lektoratsdienstleistungen auch Wort- oder Zeilenpreise.

Manche Kolleg*innen gehen je nach Service unterschiedlich vor. Eine Kalkulationsstrategie für eine Palette von Dienstleistungen könnte wie folgt aussehen:

  • Übersetzung: Abrechnung nach Wort/Normzeile im Ausgangstext (also den Text, den Sie uns zur Übersetzung geben)
  • Lektorat: Abrechnung nach Stunde ODER Abrechnung mit einem Wort-/Normzeilenpreis (der im Vergleich zu Wort-/Zeilenpreisen für Übersetzungen in der Regel niedriger ausfällt)
  • Bearbeitung von arbeitsintensiven Dateiformaten /Konvertieren von PDFs: Abrechnung nach Stunde ODER pauschaler Preisaufschlag von X%
  • Transkreation/SEO-Übersetzungen/Texten: Stundensatz ODER Projektpreise (s. unten)

Nach Projekt

Meine Lieblingslösung ist der Projektpreis. Wie funktioniert der?

  1. Sie stellen eine Anfrage.
  2. Wir besprechen gemeinsam, wie ich Ihnen helfen kann, und welche Dienstleistungen erbracht werden sollen.
  3. Ich nenne Ihnen dann eine Pauschale, die alle gewünschten und besprochenen Dienstleistungen abdeckt.

So wissen Sie direkt, welche Kosten auf Sie zukommen. Wie ich intern kalkuliere und auf den Gesamtbetrag komme, muss dann im Einzelnen nicht erläutert werden. Das macht die Angebotsabfrage für Sie weniger komplex.

Der große Vorteil für alle ist, dass für die Kalkulation des Projektpreises klar über Erwartungen gesprochen wird. Ich weiß genau, was ich für Sie tun soll, und Sie wissen auch genau, was Ihnen am Ende geliefert wird.

Was heißt das für Sie?

So vielfältig wie die Anbieter*innen am Markt, so breit gefächert sind auch Kalkulationsmethoden. Natürlich können Sie direkt bei einer Anfrage festlegen, dass Sie gerne Preise genannt bekommen würden, die auf einer bestimmten Grundlage kalkuliert sind.

Vielleicht erfreuen Sie sich aber auch an der Erkenntnis, dass Sie bestimmt genau die Person finden können, die zu Ihnen passt. Hierfür könnte mein Artikel mit Tipps zur Übersetzersuche hilfreich sein.

 

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