Buchbesprechung: Writing Around the World

Matthew McCool, Writing Around the World: A Guide to International Writing

Buchdeckel Writing Around the World

Das Buch, das ich heute bespreche, gibt es nur auf Englisch. Leider wurde es nicht ins Deutsche übersetzt. Trotzdem ist es lesenswert! “Writing Around the World: A Guide to Writing Across Cultures” ist ein handfester Ratgeber für Menschen, die in einer Fremdsprache UND für eine andere Kultur schreiben.

Das Buch stammt aus 2009 – taufrisch ist es also nicht mehr. Trotzdem bringt es in 130 Seiten auf den Punkt, was oft in Schreibratgebern vergessen wird: Wer für andere Kulturen schreibt, muss oft andere Schreibstrategien verwenden, da Kulturen ganz unterschiedliche Erwartungen an Aufbau und Struktur von Texten haben können. Wer das nicht berücksichtigt, wird trotz makelloser Fremdsprachenbeherrschung keine überzeugenden Texte in der Fremdsprache abliefern.

Was hat Kultur mit Schreiben zu tun?

Kulturelle Unterschiede kennen wir alle. Im Deutschen gibt es eine sprachliche Höflichkeitsform und im Englischen nicht. Manche Kulturen sind weniger pünktlich als die deutsche und manche wiederum wertschätzen Individualität und Kollektivität anders.

Kulturen prägen unsere Erwartungen an Mitmenschen, wie sie sich verhalten und mitteilen sollen. Kulturen, die im Dialog vieles mitschwingen lassen und nicht direkt aussprechen, weil der Zuhörer aus dem Kontext alles nötige ableiten kann, werden sich im Schriftlichen anders ausdrücken als Kulturen, die direkt versprachlichen, was sie sagen möchten, und nichts dem Zufall bzw. dem Kontext überlassen. Es liegt auf der Hand, dass diese grundlegend unterschiedliche Haltung in Texten zur Geltung kommt.

Kernkonzept: Bei wem liegt die Verantwortung für das Textverständnis?

Wessen Aufgabe ist es zu gewährleisten, dass Texte sich dem Leser erschließen? Nach McCool können grob 2 Haltungen unterschieden werden und diese schlagen sich in tendenziell unterschiedlichen sprachlichen und stilistischen Strategien nieder.

“Reader responsible cultures”

In sogenannten “reader responsible cultures” obliegt dem Leser die Aufgabe, aus dem Geschriebenen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Der Autor stellt den Kontext her und bietet genug Informationen an, so dass Leser die richtigen Schlüsse ziehen können. Texte aus diesen Kulturkreisen zeigen oft eine blumige, komplexe Sprache, unklare Überleitungen und indirekt vorgebrachte Argumente.

Gilt der Leser als Hauptverantwortlicher, dann wird ihm sprachlich mehr zugemutet. Mangelndes Textverständnis wird dem Leser angelastet. Die deutsche Art zu schreiben fällt eher in dieses Lager.

“Writer responsible cultures”

Wer in “writer responsible cultures” schreibt, sieht die Verantwortung dafür bei sich, dem Leser klare Inhalte zu vermitteln. Diese Texte haben einen klaren Aufbau, der dem Leser mehrfach deutlich mitgeteilt wird. Die wichtigste These steht von Anfang an deutlich im Raum und der Leser wird an die Hand genommen und argumentativ durch die Text geführt. Ihm soll das Verständnis so leicht wie möglich gemacht werden. Unverständliche Texte stellen ein Versagen der Autors und nicht des Lesers dar.

Soll dem Leser das Verständnis so leicht wie möglich gemacht werden, wird ein Text sehr klar strukturiert und Argumente werden deutlich gekennzeichnet. Texte aus dem amerikanischen und britischen Raum zeichnen sich hierdurch aus.

Was heißt das für Deutsche, die für ein englischsprachiges Publikum schreiben?

Die Welt wird internationaler und Englisch gilt als lingua franca. Wir nutzen Englisch, um mit Muttersprachlern des Englischen zu kommunizieren  – wir nutzen allerdings auch Englisch um uns mit Menschen, für die Englisch eine Fremdsprache ist, zu verständigen. Man kann also erwarten, dass diese Unterscheidung zwischen diesen beiden Kommunikationsstrategien in der internationalen Kommunikation schwindet. Soweit sind wir allerdings noch nicht! Kommunizieren Menschen gemeinsam in der Fremdsprache Englisch miteinander, kann es sich sogar anbieten, anglo-amerikanische Strategien zu verwenden, da sie zur Klarheit und Verständlichkeit dem Leser verpflichtet gegenüber sind.

Viele Deutsche stoßen sich an der anglo-amerikanischen Schreibweise und empfinden sie als wiederholungslastig und zu schlicht. Wiederum finden Briten und Amerikaner eine deutsche Argumentationsstruktur als unnötig kompliziert und daher als unklar. Werden sich die verschiedenen Lager ewig verständnislos gegenüberstehen? Wer versteht, welche Haltung hinter sprachlichen Strategien steht, kann leichter schreibend auf die Bedürfnisse einer anderen Kultur eingehen.

Interktulturelle Kommunikationsstrategien

McCool liefert in diesem kurzen Buch eine Art Crashkurs in interkultureller Kommunikation ab. Seine Erläuterungen bieten jenseits der deutsch-angelsächsischen Begegnung Einsichten für andere Kulturkreise. Schrittweise arbeitet er sich vor über allgemeine Kulturmarker, der Beziehung zwischen Kultur und Sprache bis hin zu den unterschiedlichen Schreibstrategien, die man weltweit findet.

In seinem abschließenden Kapitel bietet er einige Tipps, um abweichenden kulturellen Erwartungen von Lesern entgegenzukommen. In übersichtlichen Tabellen bietet er jeweils 5 Tipps zu den folgenden 3 Themen an:

  • Satzkohäsion
  • globale Kohäsion
  • Korrektheit und Autorität

Wie der Autor völlig richtig in seinen Abschlussbemerkungen feststellt, verlangt das Schreiben für andere Kulturen sehr viel mehr als die Beherrschung einer Handvoll von Regeln. Nur wer eine Kultur völlig durchdringt, kann sie als Zielgruppe richtig ansprechen. Genau hier bietet McCools kurzes Buch einen soliden Startpunkt und könnte bei dem einen oder anderen Leser durchaus für einige Aha-Momente sorgen.

Für wen ist dieses Buch?

Wer beruflich oder akademisch auf Englisch schreibt, ist vielleicht schon einmal darüber gestolpert, dass die eigenen Texte anders rezipiert werden, als bei den deutschen Texten der Fall ist. Das englische Schreiben beinhaltet die Herausforderung, dass Sie Ihre gedanklichen Strategien des Deutschen hinterfragen müssen. Dieses Buch hilft Ihnen zu verstehen, warum die Erwartungen an englische Texte anders sind als an deutsche und wie Sie diese Erwartungen erfüllen können. Das wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum guten Schreiben in der Fremdsprache.


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Else Gellinek ist Deutsch-Amerikanerin, bilinguale Linguistin und Übersetzerin mit Schwerpunkt auf Marketing und Unternehmenskommunikation sowie Lektorin für Englisch als Fremdsprache. Im Guckloch Blog gewährt sie Kunden Einblicke in Übersetzungsvorgänge und Aspekte der Übersetzungsqualität. Sie ist davon überzeugt, dass sowohl Kunden als auch Übersetzer davon profitieren, wenn die geheimen Vorgänge im Kopf des Übersetzers transparent gemacht werden.

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